Breitungen - Die Truse wird und wird nicht müde. Tag und Nacht singt sie ihr Lied und zeigt allen ihre Kraft. Wenige Meter vor der
![]() |
|
|
|
||
Die 63-Jährige wohnt seit jeher dort, wo sie noch heute arbeitet. Sie ist Müllermeisterin in der siebten Generation. Eine Zipfelmütze hat sie nie besessen und auch keinen Esel. Das ist was fürs Märchenbuch. "Heute haben das meist nur noch ein paar Windmüller im Norden", sagt sie. "Aber auch nur als Aushängeschild für die Urlauber." Nostalgiker, die sich eine Mühle gekauft und saniert haben, fänden das schick. "Für die Arbeit aber braucht man das nicht."
In modernen Mühlen hat ohnehin High-Tech Einzug gehalten. Und auch bei Gitta Riedel werden keine Getreidesäcke mehr mit krummen Buckel treppauf und treppab geschleppt. Das Korn wird lose in Tanks angeliefert. Ein Sackheber hilft zudem.
Ansonsten ist aber wirklich alles noch beim Alten. Seit jeher wird in der Unteren Mühle Roggen verarbeitet. Was früher allerdings Mühlsteine besorgten, erledigen heute zwei gegenläufige Stahlwalzen mit Riffeln an der Oberfläche. Zwischen den Walzen wird das Getreide auf schonende Weise zerkleinert: Schale und Mehlkern werden getrennt. Der Walzenstuhl ist deshalb sozusagen das Herzstück der Mühle. Dann wird gesiebt und wieder gemahlen und nochmals gesiebt. Sieben Mal geht der Roggen auf Rundreise. Auf fünf Ebenen wird in der Unteren Mühle gearbeitet.
In senkrechten Holzrohren laufen dabei Gurte, an denen Becher befestigt sind. Sie transportieren das Mahlgut. Seidige Siebe sorgen ganz oben unterm Mühlendach für eine saubere Trennung. "Die sind feiner als meine Perlonkittelschürze", sagt Gitta Riedel und zeigt auf ihre Arbeitskleidung. Der sogenannte Plansichter - der Kasten, in dem sich die Siebe befinden - rüttelt und schwingt beständig hin und her, um die feinen von den groben Teilchen zu trennen.
Wenn die Mühle heiß läuft
Gitta Riedel kennt jedes Geräusch in ihrer Mühle. "Wenn irgendetwas sich anders anhört, dann wird sofort nachgesehen, damit nicht erst etwas kaputtgeht", sagt die erfahrene Müllermeisterin. Außerdem riecht sie sofort, wenn etwas heißt läuft. Dann ist Eile geboten. Und genau deshalb wohnen von jeher die Müller auch direkt dort, wo aus Korn Mehl gemacht wird. "Eine Mühle kann man nicht alleine lassen", sagt Ehemann Peter Riedel, der längst auch ohne Gesellenbrief zum Müller geworden ist.
Der rauschende Bach, die Takte der Antriebsriemen und das Rütteln der Siebe haben Gitta Riedel in Kindertagen in den Schlaf gewiegt. Fürs Märchenerzählen hatten ihre Eltern nämlich keine Zeit. "Mein Bett stand genau an der Wand zur Mühle. Und wenn ich abends dem gleichmäßigen Rhythmus der Maschinen lauschte, dann hatte das etwas Beruhigendes. Da schlief ich schnell ein", sagt sie. Vertraute Geräusche und der "unbeschreibliche Duft von frischem Mehl und Korn" bringen so auch immer wieder Kindheitserinnerungen zurück.
Der alte Mühlstein hängt heute nur noch zur Dekoration an der Hauswand. Gitta Riedel hat noch erlebt, wie er seine Arbeit verrichtete. Mit einem Kraushammer "bewaffnet" half sie als junges Mädchen ihrem Vater beim Aufrauen des Mühlsteines.
Von der Pike auf gelernt
Sie hat das Handwerk von der Pike auf gelernt. Sehr früh stand fest, dass sie in die Fußstapfen des Vaters treten würde. Gitta war die älteste Tochter, einen Sohn gab es nicht. "Man hat mir das von Anfang an schmackhaft gemacht", sagt die Breitungerin. Entgegen der Gepflogenheiten im Handwerk, nach denen man auswärts lernen sollte, war ihr Vater auch ihr Lehrmeister. Lehrstellen lagen schließlich auch damals nicht auf der Straße.
Schonzeiten hatte die angehende Müllerin während ihrer Arbeit im Familienbetrieb allerdings nicht. Freitag und Samstag war immer erst recht spät Feierabend. Da wurde in der Unteren Mühle geschrotet. Die Männer aus dem Dorf kamen mit Handwagen und ein, zwei Säcken Korn. "Bevor nicht der letzte bedient war und ich alles sauber gemacht hatte, durfte ich Samstagabend nicht zum Tanz", sagt sie.
Tag und Nacht geschuftet
Zu tun gab es auch zu DDR-Zeiten viel. Jede Mühle hatte ihr Kontingent und somit ihr Auskommen. Für das Getreidewirtschafts-Kombinat des einstigen Bezirkes Suhl war der Betrieb eine Nummer zu klein. Deshalb durfte die Mühle in Familienbesitz bleiben - bis heute. Eine Tonne Roggen kann die Mühle am Tag verarbeiten. "Es gab schon Zeiten, da haben wir 50 Tonnen in einem Monat geschafft, was eigentlich gar nicht machbar ist", sagt Gitta Riedel. Da habe man eben Tag und Nacht geschuftet.
Doch die Zeiten haben sich geändert. Nach der Wiedervereinigung ging der Umsatz der Bäcker zurück, weil Supermärkte und Tankstellen nun ebenfalls Brötchen verkauften. Mehl kam von Großanbietern aus dem Westen - was die kleinen Mühlen zu spüren bekamen. Heute werden in der Unteren Mühle noch 35 Tonnen jährlich gemahlen; die Mühle läuft jeden Monat nur wenige Stunden.
Das Zurück-zur-Natur sei hierzulande noch nicht angekommen, sagt Gitta Riedel. Dieses Standbein fehle im Osten. Im Westen sei es nie verschwunden gewesen. "Viele Leute gehen dort in eine Mühle in ihrer Nähe, holen sich frisch gemahlenes Mehl, backen selbst Brot und sind froh, sich und ihrer Familie etwas Gutes zu tun", sagt die Frau aus dem Werratal.
Beim Essen wird gegeizt
Auch in hiesigen Breiten sei das Brotbacken wieder im Kommen. "Allerdings mit einer Backmischung - und die muss ganz, ganz billig sein." Gitta Riedel will nicht vom Tisch wischen, dass viele Leute ganz einfach aufs Geld gucken und sparen müssen. "Das weiß jeder. Aber absurd ist doch, dass beim Essen am meisten gegeizt wird. Da werden Lebensmittel gekauft, die mit Konservierungsstoffen vollgestopft und damit ewig haltbar und auch noch billig sind. Für den Urlaub hingegen und das neueste Computerspiel sind immer ein paar Euro übrig."
Außer der Mühle betreibt Gitta Riedel in Ihrem Hause einen Naturkostladen. Jede Woche bringt sie dort Vollkornbrot, für das sie das Mehl selbst in ihrer Mühle gemahlen hat, auf den Ladentisch. Einer ihrer Bäcker im Nachbarort backt für Riedels das Brot. "Man schmeckt das frische Mehl heraus", sagt die Müllermeisterin.
Tochter hat den Meisterbrief
Alljährlich zu Pfingsten erlaubt sie zum Mühlentag den Besuchern einen Blick hinter die Kulissen. An die 1000 Leute kommen dann auf ihren Hof und lassen sich Geschichten über die Arbeit der Müller erzählen. Oft wollen sie wissen, ob sich das alles noch lohnt. "Ich sage dann immer: Sie klappert noch, aber sie klingelt nicht mehr", sagt Gitta Riedel.
Ob sie auch in den nächsten Jahrzehnten noch ihren Dienst tut? Die Meisterin weiß es nicht. Und dabei geht es nicht mal um fehlenden Nachwuchs. Eine ihrer beiden Töchter hat bereits den Meisterbrief in der Tasche. "Wir werden sehen", sagt sie, während die Mühle ihren Takt anschlägt, als sei es für die Ewigkeit.











