Wernshausen - Die Papierfabriken in Wernshausen wollen
"Gefahr im Werratal?" fragte nun die Fraktion der Bürgerinitiative Schmalkalden und hatte zu einem Forum eingeladen. Etwa 40 Bürger kamen ins Bürgerhaus und diskutierten zwischen Papierfabrik und Werra-Aue über die jetzigen Pläne.
"Der Eingriff in die Natur ist unbestritten", sagte der Wernshäuser Stadtrat Martin Jung (BI) in seinen einleitenden Worten. Retentionsflächen (Rückhalteräume) würden durch die Pläne vernichtet, negative Folgen für die Landwirtschaft und die Werra-Anrainer in der Nachbarschaft seien zu befürchten. Andererseits gehe es um 400 bis 450 Arbeitsplätze. "Wir müssen eine Lösung suchen", sagte Jung.
Der Schmalkalder Stadtrat hatte beschlossen, eine Gewerbeansiedlung auf den 12 Hektar Werra-Aue prüfen zu lassen. Mit der Option, wonach auch andere Firmen hier bauen könnten. "Ob das geht, müssen Experten sagen", erklärte Schmalkaldens Bürgermeister Thomas Kaminski.
Man wolle gemeinsam mit "einem der größten Arbeitgeber in der Region" eine Möglichkeit suchen, allerdings biete sich die Werra-Aue dazu nur an, "wenn es keine wasserrechtlichen Belange berührt". Was die Experten davon halten, sei noch nicht bekannt. "Wir sind genauso schlau wie vor einem Jahr."
Breitungens Bürgermeister Peter Heimrich (SPD), ein Gegner der Auen-Pläne, will nicht den Experten geben. Doch er hat, was sein Schmalkalder Kollege offensichtlich nicht hat: Unterlagen zum bereits gestellten Antrag der Papierfabriken, die Werra-Aue auf einer Fläche von 12 Hektar um durchschnittlich zwei Meter aufzufüllen. Die Gemeinde Breitungen wurde zu dem Antrag gehört und hat, ebenso wie der BUND-Kreisverband, den Plänen widersprochen. Heimrich sind in den Unterlagen einige Punkte aufgefallen.
So habe das Ingenieurbüro, das im Auftrag der Landes Unterlagen für die Neuausweisung der Überschwemmungsgebiete entlang der Werra ausgearbeitet hat, die Wernshäuser Aue wieder als Überschwemmungsgebiet ausgewiesen.
Als das selbe Ingenieurbüro von der Papierfabrik mit Untersuchungen zur Aue beauftragt wurde, sei ein anderes Ergebnis herausgekommen. Demnach, erläuterte Heimrich, sollen die Werra-Auen selbst bei einem Jahrhundert-Hochwasser (HQ 100) nur am Rand überspült werden. Dennoch werde eine Aufschüttung der Fläche empfohlen, um das Gebiet hochwasserfrei zu stellen. Heimrich zeigte der Versammlung anhand von Luftbildern des Hochwassers vom April 1994 - als HQ 55 bis 60 eingestuft - was ein Ansteigen des Pegels für Breitungen bedeutet. In weiten Teilen ist "Land unter", mancher Bewohner müssen per Schlauchboot versorgt werden, auf dem Sportplatz "kann man Wasserball spielen".
Thomas Wey vom BUND-Kreisverband plädierte dafür, die Chance zu nutzen und eine gute Lösung zu suchen. Es gehe nicht darum, etwas kaputtzumachen. Dennoch sei "alles ein bisschen schwammig". Mal sei von drei Hektar Fläche gesprochen worden, die die Papierfabrik benötigt, jetzt geht es um 12. Das Aufschütten der Flächen nun zu beantragen, ohne dass weitere Pläne bekannt seien, nennt Wey "hinterlistig".
Thomas Petter, stellvertretender Vorsitzender der Agrargenossenschaft Fambach, kann sich nicht vorstellen, "wo das Wasser hin soll". Wenn es durch die Aufschüttung nicht mehr nach links abfließen könne, dann nach rechts - auf landwirtschaftliche Flächen. Die Genossenschaft habe schon fruchtbares Ackerland "grün gemacht" und müsse auf immer mehr Flächen verzichten. "Aber wird sind ja auch nur 24 Leute", meinte Petter trocken.
Manche Vorschläge, wo und wie die Papierfabrik erweitern könnten, waren zu hören: Der Standort der Kammgarn, der Güterbahnhof oder ein anderer Turm: nur halb so hoch, dafür doppelt so breit. Ob diese Vorschläge taugen, blieb unklar. Von der Firma Sofidel saß kein Vertreter im Podium.
Deutlich wurde während des Forums, wie manche Bürger die Papierfabrik als Belastung ansehen. "Manchmal möchte man am liebsten wegziehen", sagte etwa Roland Schellenberg, "aber die Grundstücke sind durch die Pappe nichts mehr wert". Weil die Wernshäuser ein friedliches Volk seien, hätten sie vieles hingenommen, aber irgendwann müsse man dem Unternehmen auch die Grenzen zeigen. "Es kann nicht immer nur um Arbeitsplätze gehen. Wir haben den Dreck, den Staub und den Lärm."
Ortsbürgermeister Rainer Stoffel nannte die ganze Debatte "ein wenig irritierend". Selbst wenn die Aufschüttung genehmigt werden würde, könne keiner sagen, ob es dann auch so kommt. Die Firma wolle prüfen, ob eine Erweiterung in der Aue aus wasserrechtlichen Gründen theoretisch möglich wäre, "bevor sie überhaupt Geld anpackt".
Allein der Antrag der Stadt, in der Aue eventuell Gewerbeflächen auszuweisen, hatte Eckard Simon vom BUND-Kreisverband zuvor als "sehr fragwürdig" bezeichnet. Die Eingriffe wären gravierend, "Menschen können sich wehren", warnte er, "die Natur schweigt". "Die Natur schweigt nicht", antwortete Landwirt Petter. "Die Natur holt sich alles zurück." uf


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