Schmalkalden - Es ist ein Vorurteil, dass der arme Poet
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Dank der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, dem Förderverein Lesezeichen und der Rhön-Rennsteig-Sparkasse waren am Freitagabend im Saal der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde die Creme (Word Alert) und der Nachwuchs (Romina Voigt) poetischer Wortkämpfer zu Gast. Nicole Schlabach, stellvertretende Geschäftsführerin der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, Martin Straub, Vorstandsmitglied des Vereins Lesezeichen und Michael Neumann, von der Rhön-Rennsteig Sparkasse begrüßten die Gäste, die den Weg zu diesem anspruchsvollen Abend gefunden hatten.
Was in der südlichen Nachbarstadt Wasungen dank der privaten Kulturinitiative des Weyenhofes seit Jahren eine Heimat hat, war nun auch in der Hochschulstadt zu erleben. Wobei es auch ein Vorurteil ist, dass die Jugend den Hintern nicht hochkriegt für kulturelle Veranstaltungen. Immerhin war ein gutes halbes Dutzend Gymnasiasten da und ging voll mit.
"Word Alert" ist eine dreiköpfige Gruppe poetisch-philosophischer Wortakrobaten aus dem Rhein-Main-Gebiet. Das Wort ist wachsam, man muss mit ihm rechnen, es ist in Alarmbereitschaft, könnte der Name übersetzt werden. (Anton) Telhaim, Ken Yamamoto und Dalibor (Markovic) sind die reinsten Energiebündel. Sportlich durchtrainiert, die Jeans auf den Hüften hängend, kommen sie von den Straßen und Plätzen der Welt. Sie beschleunigen in einer Sekunde von null auf hundert durch das Riesenangebot von Substantiven, Verben und Adjektiven. Wort und Klang lassen sie zu ihrer Sprache verschmelzen, die sofort das Denken der Zuhörer okkupiert. Rasend schnell und direkt schleudern sie ihre Worte heraus. Anfangs fühlen sich diese an, wie durch das Fernsehprogramm gezappt. Doch der Eindruck täuscht. Zeitverzögert blitzt der Sinn auf. Das Wesentliche einer Welt aus dem riesigen Haufen erschütternder Bildern und Nachrichten schlägt wie eine Ohrfeige auf.
Seine Prinzipien nennt Ken Yamamoto "Kleines Einmaleins für Nullen" und so ist die Sonne für ihn eine vergessene Herdplatte und der Mond eine zerkratzte CD. Dalibor hat die Poesie-Physik erfunden und daraus eine lyrische Sinfonie in vier Sätzen gemacht. Im ersten Satz erklärt er, wie Gänsefüßchen Sack hüpfen. Der Unsinn aus manchem Mund quillt im sinnlosen Vergleich der doppelten Verneinung gleich ja, hervor. Ein Meister des Beat Box setzt Dalibor rhythmisch-harte Bindestriche, Ausrufezeichen, Punkte...
Telhaim ist der Freestyler, er schließt die Augen und spricht den Film, der hinter den Lidern gerade abläuft. Lässt sich Worte zuwerfen und macht Szenen daraus von pflastersteinwerfenden Fensterwischern zum Beispiel. Das Gehirn sucht sofort nach dem dazu gehörenden Bild, weil es dies vermutlich nicht im Speicher hat, bastelt es sich in seinem Photo-Shop eins zurecht. So entstehen Klischees, Vorurteile, Vorbilder und kein Mensch weiß, ob gute oder schlechte.
Romina Voigt gesellte sich als einheimisches Talent hinzu. Geboren in Suhl studierte sie Germanistik, Amerikanistik und Philosophie an der Uni Jena. Ein Praktikum am Goethe-Institut in Stockholm schloss sich an. Ihr Heimatdorf Schönbrunn dient als Brennglas für Kindheitserinnerungen. Ängste, Verlogenheiten und Schönheiten. Provinz findet hier nicht statt, weil es sie nur im Denken gibt. Etwas ruhiger und am gewohnten Lesetisch mit Lampe und Wasserglas steht die junge Thüringerin den Sprach-Rappern inhaltlich in nichts nach. Sie türmt Worte erst gehörig auf und bringt sie dann genussvoll zum Einsturz. Reden die Großen der Welt nicht genau so? Was für ein Abend, freuten sich Kopf und Herz auf dem Nachhauseweg und bangten gleichzeitig um die Geduld der Veranstalter, dass sie Schmalkalden an Freitagen, bei Gartenwetter, bei Nicht-Rausgeh-Wetter, an Mittwochen, Dienstagen und sonstigen Hinderungsgründen nicht aus ihren Gastspielorten streichen werden. lou


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