FW Meininger Tageblatt

Kontakt Impressum als Startseite Sitemap
Suche
Ressort Regional
Erschienen am 08.03.2010 00:00
WortKlang
Ein großes Fest für Kopf und Herz
Sparkasse und Lesezeichen boten Creme und Nachwuchs philosophischer Wortakrobaten

Schmalkalden - Es ist ein Vorurteil, dass der arme Poet

Word_Alert_080310 Bild vergrößern
"Word Alert" mit Telhaim (l.), Dalibor und Ken Yamamoto beim Auftritt in Schmalkalden. Foto: Margit Dressel
Bild:  
unter dem undichten Dach schmallippig im Bett sitzt und sich in die Schönheit der Rose verliert. Im Hintergrund Streicherklänge. Heutige Poeten kämpfen mit sich, mit der Welt und dem Publikum. Im Hintergrund Beats und Metal. Sie ziehen in Dichterschlachten, die sie "Poetry Slams" nennen. Aufgerüstet mit Spoken Word Poetry, Beat Box, Jam und Jazz haben sie die Stab- und Schüttelreime, die Sonette und Balladen im Blut. Im Gigabyte-Tempo werfen sie dem Publikum die Brocken hin. Als wollten sie sagen, begreif es oder nicht, so ist die Welt und so sind wir Menschen.

Dank der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, dem Förderverein Lesezeichen und der Rhön-Rennsteig-Sparkasse waren am Freitagabend im Saal der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde die Creme (Word Alert) und der Nachwuchs (Romina Voigt) poetischer Wortkämpfer zu Gast. Nicole Schlabach, stellvertretende Geschäftsführerin der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, Martin Straub, Vorstandsmitglied des Vereins Lesezeichen und Michael Neumann, von der Rhön-Rennsteig Sparkasse begrüßten die Gäste, die den Weg zu diesem anspruchsvollen Abend gefunden hatten.

Was in der südlichen Nachbarstadt Wasungen dank der privaten Kulturinitiative des Weyenhofes seit Jahren eine Heimat hat, war nun auch in der Hochschulstadt zu erleben. Wobei es auch ein Vorurteil ist, dass die Jugend den Hintern nicht hochkriegt für kulturelle Veranstaltungen. Immerhin war ein gutes halbes Dutzend Gymnasiasten da und ging voll mit.

"Word Alert" ist eine dreiköpfige Gruppe poetisch-philosophischer Wortakrobaten aus dem Rhein-Main-Gebiet. Das Wort ist wachsam, man muss mit ihm rechnen, es ist in Alarmbereitschaft, könnte der Name übersetzt werden. (Anton) Telhaim, Ken Yamamoto und Dalibor (Markovic) sind die reinsten Energiebündel. Sportlich durchtrainiert, die Jeans auf den Hüften hängend, kommen sie von den Straßen und Plätzen der Welt. Sie beschleunigen in einer Sekunde von null auf hundert durch das Riesenangebot von Substantiven, Verben und Adjektiven. Wort und Klang lassen sie zu ihrer Sprache verschmelzen, die sofort das Denken der Zuhörer okkupiert. Rasend schnell und direkt schleudern sie ihre Worte heraus. Anfangs fühlen sich diese an, wie durch das Fernsehprogramm gezappt. Doch der Eindruck täuscht. Zeitverzögert blitzt der Sinn auf. Das Wesentliche einer Welt aus dem riesigen Haufen erschütternder Bildern und Nachrichten schlägt wie eine Ohrfeige auf.

Seine Prinzipien nennt Ken Yamamoto "Kleines Einmaleins für Nullen" und so ist die Sonne für ihn eine vergessene Herdplatte und der Mond eine zerkratzte CD. Dalibor hat die Poesie-Physik erfunden und daraus eine lyrische Sinfonie in vier Sätzen gemacht. Im ersten Satz erklärt er, wie Gänsefüßchen Sack hüpfen. Der Unsinn aus manchem Mund quillt im sinnlosen Vergleich der doppelten Verneinung gleich ja, hervor. Ein Meister des Beat Box setzt Dalibor rhythmisch-harte Bindestriche, Ausrufezeichen, Punkte...

Telhaim ist der Freestyler, er schließt die Augen und spricht den Film, der hinter den Lidern gerade abläuft. Lässt sich Worte zuwerfen und macht Szenen daraus von pflastersteinwerfenden Fensterwischern zum Beispiel. Das Gehirn sucht sofort nach dem dazu gehörenden Bild, weil es dies vermutlich nicht im Speicher hat, bastelt es sich in seinem Photo-Shop eins zurecht. So entstehen Klischees, Vorurteile, Vorbilder und kein Mensch weiß, ob gute oder schlechte.

Romina Voigt gesellte sich als einheimisches Talent hinzu. Geboren in Suhl studierte sie Germanistik, Amerikanistik und Philosophie an der Uni Jena. Ein Praktikum am Goethe-Institut in Stockholm schloss sich an. Ihr Heimatdorf Schönbrunn dient als Brennglas für Kindheitserinnerungen. Ängste, Verlogenheiten und Schönheiten. Provinz findet hier nicht statt, weil es sie nur im Denken gibt. Etwas ruhiger und am gewohnten Lesetisch mit Lampe und Wasserglas steht die junge Thüringerin den Sprach-Rappern inhaltlich in nichts nach. Sie türmt Worte erst gehörig auf und bringt sie dann genussvoll zum Einsturz. Reden die Großen der Welt nicht genau so? Was für ein Abend, freuten sich Kopf und Herz auf dem Nachhauseweg und bangten gleichzeitig um die Geduld der Veranstalter, dass sie Schmalkalden an Freitagen, bei Gartenwetter, bei Nicht-Rausgeh-Wetter, an Mittwochen, Dienstagen und sonstigen Hinderungsgründen nicht aus ihren Gastspielorten streichen werden. lou

 
 

Artikel drucken Drucken| Artikel speichern Speichern| Artikel versenden Versenden Bookmark bei: Facebook Bookmark bei: Myspace mit Twitter versenden Bookmark bei: StudiVZ Bookmark bei: Google
 
 
 
 

Kommentare zum Artikel

Zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden.

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!

 
 
 

 
 
 
 
 
 
 
Umfrage

21 Tote bei der Loveparade – werden Sie noch ähnliche Großveranstaltungen besuchen?

mir sind solche Massen schon immer suspekt und ich werde diese daher auch in Zukunft meiden
ich vertraue darauf, dass künftig Sicherheit wieder oberste Priorität hat und werde große Events weiter besuchen
die Angst wäre ein ständiger Begleiter – ich verzichte künftig auf den Besuch von Massenveranstaltungen

weitere Umfragen  

 
 
 
 
Webcam Webcams Meiningen
Flugplatz Dolmar