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Seit einigen Monaten ist der gebürtige Meininger zurück in seiner ursprünglichen Heimat. Back to the rootes … Das Häuschen, das ihm die Großmutter schon zu seinen Studentenzeiten versprochen hatte, gehört nun ihm. „Ich hatte das Haus geerbt. Das war eine Option für mich.“
Mit 40 und einem bereits ereignisreichen Arbeitsleben sei die Frage erlaubt, ob das nun alles war? Sollen Hektik, Arbeitstage, die mehr als neun Stunden umfassen und Dienstreisen „um die Welt“ ewig dauern? Oder ist es nicht an der Zeit, der Familie mehr Raum zu geben? „Meine Frau und ich haben dann gemeinsam entschieden: Wir ziehen nach Meiningen, wollen hier heimisch werden. Für mich kein so großer Schritt, wohnt doch meine Mutter noch in der Theaterstadt. Und eine Tante meiner Frau in Bad Kissingen, das ist ja auch keine Entfernung. In Stuttgart haben wir keine Verwandtschaft hinterlassen.“
Tochter schnell eingelebt
Am schnellsten habe sich die dreijährige Tochter eingelebt in das neue Umfeld. Lutz Gaspers: „Sie geht in einen Meininger Kindergarten und ist total begeistert. Und da auch ich mich schon allein durch meinen Job in der Stadtverwaltung – daneben bin ich auch Geschäftsführer von ZiM, dem Verein Zukunftstechnologie in Meiningen – voll eingebunden fühle, muss nun nur noch meine Frau eine passende Arbeit finden.“ Sie hatte zehn Jahre lang in Stuttgart eine kleine Boutique mit italienischer Mode betrieben – erfolgreich und begeistert.
Wenn Lutz Gaspers seine kleine Tochter sieht, muss er schmunzeln. Denn auch er lernte in einem Meininger Kindergarten die ersten Schritte in einer größeren Gemeinschaft. „Ich besuchte den Kindergarten im Sarterstift. Heute befindet sich darin zwar kein Kindergarten mehr, das Haus hat sich aber mächtig gemausert als Haus der Generationen.“
Gaspers Lebensweg gleicht dem vieler Menschen aus der ehemaligen DDR. Besuch der Meininger Friedrich-Schiller-Oberschule mit Abschluss der zehnten Klasse, dann Berufsausbildung in Suhl zum Kfz-Schlosser mit Abitur, das Studium an der TU Dresden folgte. „Schon während dieser Zeit dachte ich oft: Wenn ich mein Diplom habe, dann gehe ich wieder zurück nach Meiningen. Auch freute ich mich natürlich auf Omas Häuschen … 20 Jahre sind vergangen und nun bauen wir es gerade um“, so der Diplom-Ingenieur für Verkehrswesen.
Denn erstens kommt es anders, zweitens, als man denkt. „Die Wende habe ich in Dresden miterlebt. Eine unheimlich spannende Zeit! Hier fuhren die Züge aus den besetzten Botschaften Prag und Budapest ein und aus. Schnell waren Gerüchte gestreut, dass nicht nur die Botschaftsbesetzer, die jetzt ausreisen durften, in den Zügen sitzen. Sondern dass sich Leute aus der Stadt nachts heimlich in die Züge schlichen, um auch in den Westen zu kommen. In der Uni ermahnte man uns eindringlich, wir sollten uns vom Bahnhof fern halten, ansonsten drohe Exmatrikulation … Auf jeden Fall sperrte fortan die Bereitschaftspolizei die Eisenbahntrassen großräumig ab. Und setzte Wasserwerfer gegen jene ein, die dennoch versuchten, zu den Zügen zu gelangen. Sie wurden einfach niedergeknüppelt …“
Studium ohne ML
In jenen Tagen hat sich auch Lutz Gaspers viele Gedanken gemacht: „Was ist, wenn auch ich in den Westen gehe? Und plötzlich ging alles sehr schnell. Viele neue Fächer wurden an der TU eingeführt, Marxismus-Leninismus fiel weg, obwohl das doch der Grundpfeiler eines sozialistischen Studium sein sollte … Plötzlich ging es ohne!“
Lutz Gaspers blieb an der TU, beendete sein Studium und nutzte die Semesterferien, um Praktika in West-Firmen zu absolvieren. Um Einblicke zu bekommen in diese noch so neue Welt. 1991 gelang ihm dies bei Audi in Ingolstadt, 1992 in der SPD-Bundestagsfraktion in Bonn. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Abgeordneten Robert Antretter – bekannt auch als Verhandlungsführer für die Bundesländer Bayern, Baden Württemberg und Saarland in Sachen Bundesverkehrswegeplan – bekam der Meininger ein intensives Gefühl für das Zusammenwachsen von Ost und West. „Immerhin handelte es sich um den ersten gesamtdeutschen Bundesverkehrswegeplan, der 1992 auf den Weg gebracht worden ist. Ich reiste mit Robert Antretter nach Strassbourg und erlebte die Verhandlungen live mit.“
Karlsruhe, Stuttgart …
Doch Lutz Gaspers wollte als Verkehrsplaner arbeiten. Und so folgte nach dem Studium sein erster Job in einem Karlsruher Verkehrsplanungsbüro. Danach eine Anstellung am Institut für Raumordnung und Entwicklungsplanung bei Stuttgart.
„Ich war jung und ungebunden, arbeitsmäßig viel unterwegs und all die Jobs waren befristet ausgelegt. Da es sich jeweils um Projekte handelte, die in einem gewissen zeitlichen Rahmen abgehandelt werden mussten.“ Auch die Zeit bei Prof. Peter Treuner brachte dem jungen TU-Absolventen so einige Erfahrungen. So zahlreiche längere Besuche in China. „Dort prallen Kulturen aufeinander. Damit sind Missverständnisse und Diskrepanzen fast schon vorprogrammiert. Diesen entgegenzuwirken, hat oft mehr Zeit in Anspruch genommen, als die eigentliche Arbeit selbst …“
Lutz Gaspers ist in eine Schule für Weltoffenheit gegangen. Dank der Wende ist ihm der Blick über den eigenen Gartenzaun gewährt worden. Auch die Erkenntnis, dass nicht überall auf der Welt die deutsche Akkuratess und das praktische In-Angriff-Nehmen immer zum Ziel führen. „In China darf man nicht mit der Tür ins Haus fallen und seinem Geschäftspartner einfach sagen, was man wünscht. Ich erinnere mich an ein Geschäftsessen, bei dem es stundenlang nur um small talk ging. Erst zum Schluss, so riet man mir, sollte ich meinem Gegenüber sagen: Für meine Arbeit wäre es unheimlich hilfreich, wenn ich folgende Daten hätte … Und das hat geklappt! Am nächsten Tag lagen die Papiere vor.“
Es war stressig
Spannende Zeiten liegen hinter Lutz Gaspers. „Im Amt fragen die Kollegen oft erstaunt: Du hattest es ganz groß. Jetzt hast du es ganz klein. Warum bist du nach Meiningen gekommen? Die, die dafür kein Verständnis haben, wissen ja nicht: Es war alles auch sehr stressig. Und so spektakulär, wie sich alles anhört, ist es in Wirklichkeit nicht. Da fliegst du nach Prag zu einem Geschäftstermin, kommst 7 Uhr in der Frühe dort an, suchst einen Autovermieter, fährst im Stau vor Ort, um dich nach den Gesprächen wieder beeilen zu müssen, damit du am gleichen Tag die Maschine wieder nach Hause erwischst. Von Sightseeing ist da keine Rede.“ Zeit ist Geld und oft reichte sie nicht einmal zum Mittagessen. Dennoch, es bleibt dabei: Es klingt immer gut, wenn im Lebenslauf vermerkt ist, man habe in ganz Europa für ein Stuttgarter Büro das Know-how der Uni in die Praxis „verkauft“, Standortberatung für Unternehmen betrieben. Oder als Gast-Dozent ein halbes Jahr in den USA gelehrt.
Lutz Gaspers hat dienstlich die halbe Welt gesehen. Jetzt geht er auf leiseren Sohlen. Im beschaulichen Meiningen geht es da etwas provinzieller zu. „Dafür aber auch mit weit weniger Hektik.“ Ideal für junge Familien, die ihre Kinder lieber im Ländlichen aufwachsen sehen wollen. Behütet fernab von Großstadtkriminalität und Anonymität.
Freilich, die junge Familie Gaspers befindet sich noch in der Eingewöhnungsphase. Ging sie samstags in Stuttgart immer gern auf den Frischemarkt zum Einkaufen, um dann den Vormittag bei einem Cappuccino oder Gläschen Sekt beim Italiener um die Ecke ausklingen zu lassen, muss sie sich jetzt wohl umstellen in ihren Wochenendgepflogenheiten. Doch ein kleiner Bummel ist allemale auch in Meiningen drin. Und die Autobahn verbindet die Theaterstadt in Windeseile mit der Landeshauptstadt Erfurt oder den Gedenkstätten Schillers und Goethes. Wer in München wohnt, fährt oft auch eine Stunde, um ins tobende Zentrum zu gelangen … Kerstin Hädicke


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