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Bärbel Hofmann verbindet mit jenem Donnerstag im Wendeherbst, in dem sich die Zeit des kalten Krieges zwischen Ost und West langsam erwärmen sollte, Erinnerungen, die sie ihr Leben lang begleiten werden. Die gelernte Krankenschwester war damals 44 Jahre jung, arbeitete beim Rat des Kreises in der Abteilung Gesundheitswesen und war, wie jeder waschechte Wasunger, ein Karnevalist vor dem Herrn.
An jenem Abend stand sie mit ihrer Umzugsgruppe in der alten Schulturnhalle auf der närrischen Showbühne, wo die organisierten Karnevalisten die Senioren des Ortes auf die neue Saison einstimmten, die wie in jedem Jahr mit dem 11. 11. begann. Als Eskimos legten sie nach dem Schöbel-Schlager einen Tanz aufs Parkett, der die Gäste auch wegen der eingängigen Musik mitriss.
Der 9. November war für Bärbel Hofmann zuerst einmal deswegen ein besonderer Tag, weil sich am Abend nicht nur die Narren ein Stelldichein gaben, sondern parallel dazu auch die Stadtverordneten. Sie tagten nur einen Steinwurf weiter, im Speisesaal, besser bekannt als Suppenschüssel, in der nach der Wende mit dem Okay-Markt die erste große Einkaufskette aus dem Westen einzog.
Die Suppenschüssel war an jenem Abend das, was die Turnhalle nicht war – ein brodelnder Hexenkessel. Zwischen 350 und 400 Bürger sind es nach Schätzung des damaligen und heutigen Bürgermeisters Manfred Koch gewesen, die die Stadtverordnetenversammlung besuchten. Der Saal war voll. Sicher auch aus dem Grund, weil Koch die Vertrauensfrage stellen wollte.
„Als unser Tanz zu Ende war, habe ich mich ganz schnell umgezogen, weil ich wissen wollte, was in der Stadtverordnetenversammlung läuft“, beschreibt Hofmann die Aufbruchstimmung, die damals viele bewegte. „Da bin ich als Erste von uns in die Suppenschüssel rein, die bis auf den letzten Platz besetzt war. Dort herrschte eine gespannte Atmosphäre. Keiner wusste so recht, wie, wann, was und wo. Da wurde über Sachen geredet, die aus meiner Sicht völlig indiskutabel waren, denn es war ja schon klar, dass der Staat am Ende ist“.
Und weil ihr das alles gegen den Strich ging, ging Bärbel Hofmann vor ans Mikrofon und machte sich Luft: „Ihr diskutiert hier über einen kaputten Bürgersteig und einen zerbrochenen Müllkübel und draußen bricht die DDR zusammen – so etwas in der Art habe ich gesagt.“ Von manchen sei sie belächelt worden, anderen las sie am Blick ab, dass sie ähnlich dachten wie sie. Als sie den Saal in seiner ganzen Länge von vorne wieder nach hinten durchschritt, wo die anderen der Karnevalsgruppe standen, ging auf einmal die Pendeltüre auf und Regina und Helmut Mahler kamen herein. „Die haben zu mir gesagt: Bärbel, weißt du schon, die Grenze ist auf. Da muss ich erst recht ungläubig geschaut haben. Aber sie erklärten mir dann, dass sie es soeben im Fernsehen gesehen haben und extra deswegen jetzt hergekommen sind, um dies zu sagen. In dem Moment hab ich mich rumgedreht, bin wieder ein Stück nach vorne gelaufen und habe lauthals in den Raum gerufen ‘Leute, die Grenze ist auf’.“
Zuerst gab es auch nur ein ungläubiges Gucken und Fragen. Als Bärbel Hofmann aber auf die Überbringer der Nachricht verwies, war ein Stück mehr die Glaubwürdigkeit hergestellt und die Neugierde geweckt. Jeder wollte nun selber sehen, was da über den Äther lief. Hatte Bürgermeister Koch kurz zuvor bei der Abstimmung zur Vertrauensfrage alle Abgeordneten hinter sich, so verließen sie ihn jetzt schlagartig mit den Zuschauern im Saal. Später sollte er sagen: „Die Bärbel war es, die mir die ganze Stadverordnetenversammlung geschmissen hat.“
Es muss zwischen 21 und 22 Uhr gewesen, als sich die Suppenschüssel leerte wie einen Tag darauf ganze Städte und Dörfer der Region. Alle sind heim, jeder wollte aus den Medien erfahren, was nun wirklich passiert war. Das Unglaubliche wurde für Bärbel Hofmann schnell zur Gewissheit. „Schon auf dem Weg nach Hause hat uns ein Nachbar die Nachricht von der Grenzöffnung bestätigt. ,Ja, es stimmt, ja, es stimmt’, sagte er immer wieder.“
Am nächsten Tag begann die große Reisewelle gen Westen. Zwei aus der Karnevalsgruppe waren am Abend nicht da, als die Eskimos wieder in der Turnhalle auftraten. „Wir mussten unseren Tanz schnell umstellen. Das ging auch.“ So gingen sie leicht unterbesetzt erneut „Vom Nordpol zum Südpol zu Fuß“, während zwei von ihnen nicht etwa ausgereist, sondern im Stau von West nach Ost steckten. (ob)


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