FW Meininger Tageblatt

Kontakt Impressum als Startseite Sitemap
Suche
Ein Bild und seine Geschichten
„Da musste sich etwas ändern“
Klaus Schüller war bei jeder Dienstagsdemo in der Stadt Meiningen dabei
Bild vergrößern
Klaus Schüller, Jahrgang 1950, geboren in Torgau, kam aber schon als kleines Kind nach Meiningen. Der gelernte Werkzeugmacher und Schlosser und spätere Meister im Raw Meiningen arbeitet heute als Sekretär beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB).
Bild:
Kein Tag im aktuellen Fernsehprogramm, da nicht Filmaufnahmen aus dem Herbst 89 wieder über die Bildschirme flimmern. Der bevorstehende 20. Jahrestag der Grenzöffnung bestimmt viele Sendungen.

Auch bei Klaus Schüller entstehen dadurch wieder die Bilder aus jener Zeit vor seinem inneren Auge. Bilder, die er nie vergessen wird. Parteilos war der gelernte Werkzeugmacher und Schlosser, zunächst im Bahnbetriebswerk Meiningen tätig und später, seit 1985 im Reichsbahnausbesserungswerk (Raw). Wo er sich bis zum Meister emporgearbeitet hatte und 1989 Kesselhausleiter wurde. Wohl der einzige Meister im Raw, der dies geschafft hatte, ohne ein Parteibuch zu besitzen.

Genug von den Lügen

„Parteilos heißt aber nicht, dass ich nicht auch Partei ergriffen hätte, wenn ich es für nötig hielt“, sagt Klaus Schüller. „Als Meister war ich ja für meine Kollegen in der Abteilung verantwortlich. Mein Grundsatz war immer: Ich kann nur das von anderen verlangen, was ich auch selbst bereit bin, ihnen vorzuleben.“ Und dabei begannen schon die Schwierigkeiten. Als Meister und Vorgesetzter hätte er nicht so reden dürfen, wenn die Arbeit nicht voran ging, weil das Material fehlte. „Diese Mangelwirtschaft, die jeder sah, über die man aber nicht reden durfte, das sich gegenseitig in die Tasche lügen – ich hatte es einfach satt. Da musste sich etwas ändern. So konnte das nicht weitergehen. Dass sah jeder so, der sich auch nur im geringsten Gedanken machte.“

Die Bilder im (West-)Fernsehen von den Demonstrationen in Leipzig, später auch von anderen Städten, wo das Volk begann, sich gegen die Oberen aufzulehnen, taten ein Übriges.

Und als nach den Friedensgebeten jeden Dienstagabend auch in Meiningen die ersten Leute auf die Straße gingen, da war Klaus Schüller vom ersten Tag an dabei. „In der Stadtkirche habe ich Ulrich Töpfer kennengelernt, fand das recht mutig, was er äußerte. Seine Ideen haben mich begeistert, weil ich vieles genauso sah.“ Nach den Gebeten in der Kirche ging es auf die Straße. Anfangs war dies nur eine kleine Gruppe, doch von Woche zu Woche wurden es mehr. Bis es nicht mehr ein paar Hundert waren, sondern ein paar Tausend. „An ein anderes Land haben wir zunächst nicht gedacht“, erinnert sich Klaus Schüller, „wir wollten eine bessere DDR. Einen Staat, in dem man sich nicht gegenseitig belügen musste. Wo man offen die Meinung sagen konnte, ohne Angst zu haben, dass einen jemand anschwärzt oder verpfeift.“ Etwas mulmig sei ihm schon gewesen, als er die ersten Male mitmarschiert ist. „Doch ich konnte mir nicht vorstellen, dass es noch einmal so etwas geben konnte wie 1953, als der Aufstand der Arbeiter blutig niedergeschlagen worden ist. Die Männer aus den Kampfgruppen der Betriebe, die kannten wir doch alle. Die hätten doch gegen uns nichts gemacht.“ Doch dann schränkt er ein: „Andererseits gab es ja rundum Meiningen Kasernen, mit Bereitschaftspolizei und Truppen der sowjetischen Armee. Und wie die reagiert hätten, wenn sie einen Befehl bekommen hätten, das konnte keiner von uns ahnen.“

Doch je mehr es wurden, die da am Dienstagabend durch die Straßen Meiningens zogen, desto sicherer wurden die Teilnehmer auch. Als Klaus Schüller jenes Transparent trug, das auf unserem Foto zu sehen ist, waren es schon fast so viele, wie die Kreisstadt Meiningen Einwohner hat. Natürlich waren da auch viele aus dem Landkreis dabei, die extra deshalb nach Meiningen gekommen waren, um hier mit dabei zu sein.

Wie die Sache weiter gegangen ist, das ist hinlänglich bekannt. Die Friedfertigkeit aller Teilnehmer der Demonstrationen hatte es bewirkt, dass diese gravierenden Veränderungen ohne jegliche Gewalt erfolgten, wohl eine Einmaligkeit in der deutschen Geschichte. Als sich am 9. November 1989 die Grenze öffnete, die alte Staatsmacht langsam abdankte, war die aufregende Zeit für Klaus Schüller noch lange nicht vorbei. Die Entwicklung, die danach ihren Lauf nahm, hatte auch sein Leben verändert. Sich weiterhin in die Gesellschaft einzubringen, war für den bisher Parteilosen ohne Zugehörigkeit zu einer Partei nicht vorstellbar, die Suche nach einer Neuorientierung begann.

Achtung der Kollegen

Zuerst suchte er Kontakt zum Demokratischen Aufbruch, der später in der CDU aufging. Seine politische Heimat sollte aber die Sozialdemokratie werden, die es hier noch nicht gab. Neben Roland Abt, Thomas Schmidt und weiteren Gleichgesinnten gehörte Klaus Schüller zu den Gründungsmitgliedern der Meininger Sozialdemokratie, zunächst als SDP, doch bald darauf dann als SPD.
Für die SPD saß Klaus Schüller ab 1990 in der ersten Wahlperiode in der Meininger Stadtverordnetenversammlung. Auch beruflich änderte sich bei ihm vieles. Seine Haltung im Raw, schon in den letzten DDR-Jahren, als er sich als Meister stets für seine Mitarbeiter einsetzte, und seine Zivilcourage hatten ihm die Achtung seiner Kollegen eingebracht. Die wählten ihn deshalb zum ersten Personalratsvorsitzenden des Raw Meiningen. 1992 gab er dieses Amt auf, um einem Ruf des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zu folgen, als dessen Sekretär er heute noch arbeitet. W. Swietek
 
 

Artikel drucken Drucken| Artikel speichern Speichern| Artikel versenden Versenden
 
 

Kommentare zum Artikel

Zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden.

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!

 
 

 
 
Leserreisen 2010 fw_leserreisen_2010.jpg
Leserreisen 7/2010
Frankenwald
 
 
 
 
 
Umfrage

21 Tote bei der Loveparade – werden Sie noch ähnliche Großveranstaltungen besuchen?

mir sind solche Massen schon immer suspekt und ich werde diese daher auch in Zukunft meiden
ich vertraue darauf, dass künftig Sicherheit wieder oberste Priorität hat und werde große Events weiter besuchen
die Angst wäre ein ständiger Begleiter – ich verzichte künftig auf den Besuch von Massenveranstaltungen

weitere Umfragen  

 
 
 
 
Webcam Webcams Meiningen
Flugplatz Dolmar