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Ein Bild und seine Geschichten
„Das vergisst man nicht“
Wie Bauingenieur Stefan Carl die Wende-Demonstrationen in Meiningen erlebte
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Stefan Carl, Jahrgang 1967, stammt aus Wölfershausen. 1990 zog er nach Meiningen. Der Bauingenieur arbeitet heute als Projektleiter in einem bayerischen Stahlbauunternehmen. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.
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Mit wachen Augen schaut er zur Seite, wie sein Freund Heiko Schöppach links neben ihm auch. Mal nach rechts, mal nach links. Sie wollen alles mitbekommen, alles in sich aufsaugen. Das, was so unfassbar erschien, woran nach 40 Jahren DDR kaum einer zu glauben gewagt hatte. Dass ein Volk aufstand gegen seine Regierung. Und einfach nicht mehr mitmachen wollte. 22 Jahre alt war er damals erst. Und es war nicht alles glatt gelaufen in seinem noch kurzen Leben. Ohne eigenes Verschulden. Deshalb interessierte ihn doppelt, wie es in diesem Staat weiter gehen würde, der dabei war, ihm seinen Weg zu verbauen. Die zehnte Klasse hatte er mit Erfolg beendet, ebenso seine Lehre als Baufacharbeiter im Wohnungsbaukombinat Suhl im November 1987. Dass er sie mit dem Zusatz „Baufacharbeiter mit Abitur“ abschließen konnte, dafür hatte er eine Erklärung unterschreiben müssen, sich „freiwillig“ für einen dreijährigen Dienst in der Nationalen Volksarmee zu verpflichten.

Einen Studienplatz hatte er an der TU Dresden schon sicher. Doch als er diese Unterschrift während seines Armeedienstes zurückzog und  nur den Grundwehrdienst leisten wollte, teilte man ihm kurzerhand mit, dass er sich das Studium aus dem Kopf schlagen könne. Er knickte nicht ein, blieb hartnäckig bei seinem einmal gefassten Entschluss, und ging lieber, als er im Mai 1989 aus der Armee entlassen wurde, wieder als Tiefbauer arbeiten, ins Straßen- und Tiefbaukombinat Meiningen (STK).

Im August 1989 folgte ein Erlebnis der besonderen Art. Zu fünft waren er und ein paar Freunde  nach Budapest gefahren, um dort Urlaub zu machen. Von den Ereignissen in der dortigen Botschaft und der in Prag hatten sie noch gar nicht viel mitbekommen, bis sie in Budapest auf der Straße angesprochen wurden: „Wollt ihr auch mit rüber?“ Ein Schock sei das gewesen. Bei aller berechtigten Unzufriedenheit – ans Abhauen hatte keiner von ihnen ernsthaft gedacht. Und sie flogen brav wieder nach Hause. Aber nachdenklicher seien sie dadurch schon geworden. Und wacher für all das, was im Lande passierte.

Dann kam der Herbst, der in die Geschichte eingehen sollte. Eigentlich hatten sie am Dienstagabend immer Fußballtraining in Bibra, Stefan und seine Freunde aus Wölfershausen. Im (West-)Fernsehen hatten sie Berichte von den Demonstrationen gesehen, die jeden Montag auf dem Stadtring der Messestadt stattfanden. Und davon gehört, dass auch in anderen Städten des Landes das Volk nicht mehr still hielt. Bis einer seiner Freunde die Nachricht mitbrachte, dass es jeden Dienstag auch in Meiningen nach den Friedensgebeten Demonstrationen gab. Da ließen die Jungs ihr Fußballtraining sausen, setzten sich in einen Trabant und fuhren nach Meiningen. Sie wollten das Unfassbare hautnah miterleben.

Volle Stadtkirche

„In die Stadtkirche sind wir gar nicht reingekommen“, erinnert sich Stefan Carl, „obwohl die doch riesengroß ist. Doch man hatte Lautsprecherboxen aufgebaut, dass alle auf dem Marktplatz mithören konnten, was drinnen gesprochen wurde.“ Danach setzte sich der Zug in Bewegung, mit einer erstaunlichen Ruhe und Friedfertigkeit.

„Anfangs bog er gleich nach dem Sächsischen Hof rechts ab, am damaligen Pionierhaus wieder rechts, ehe es an den beiden Gebäuden der Mächtigen vorbei ging.“ Von Woche zu Woche waren es mehr geworden, die dabei sein wollten. „Da ging der Zug noch am Theater vorbei, erst später nach rechts und am Bahnhof vorbei wieder zurück. Als die ersten schon am Pionierhaus waren, da waren die letzten noch nicht mal am Sächsischen Hof vorbei. So viele Leute hatten sich angeschlossen, es war unfassbar. So etwas vergisst man nicht.“

Jetzt, wo die Ereignisse von damals wieder fast täglich über die Bildschirme flimmern, einen Rückblick gewähren sollen zum bevorstehenden runden Jubiläum der Grenzöffnung, da erscheinen auch bei Stefan Carl die Bilder wieder vor seinem inneren Auge. Und er muss viele Fragen beantworten, bei seinen Kollegen in dem Betrieb im Bayerischen, in dem er jetzt arbeitet. „Wie war das eigentlich damals bei euch?“, „Woher hatten die Leute auf einmal so viel Mut, wo sie doch 40 Jahre alles ertragen haben?“ Es sind ehrliche Fragen, ist sich Stefan Carl sicher. Er ist nicht der „Vorzeige-Ossi“ in seiner Firma, der Exot, hat sich durch seine gute Arbeit auch einen guten Ruf und ein hohes Maß an Achtung erworben.

Ein anderes Fazit zieht Stefan Carl noch, wenn er an die Ereignisse vom Herbst 1989 zurückdenkt, ein ganz privates. „Wenn ich daran denke, was ich für mich und meine Familie in diesen 20 Jahren schaffen konnte – das haben meine Eltern in ihrem ganzen Leben nicht erreichen können. Und sie haben sich sicher ebenso bemüht wie ich.“ Dankbarkeit schwingt in diesen Worten mit, dass alles so gekommen ist. Obwohl ihm das Erreichte sicher niemand geschenkt hat. Aber möglich geworden ist es erst durch die Ereignisse im November 1989. W. Swietek
 
 

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