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Geschichte
Kerzen komplett ausverkauft
Alexandra Wilke war bei jeder Dienstagsdemo in der Stadt Meiningen dabei
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Alexandra Wilke, Jahrgang 1969, arbeitete zur Wendezeit als Sekretärin in der Materialwirtschaft des VEB Wasserwirtschaft (WAB) Meiningen. Nach Auflösung dieses Bereiches wurde sie vom HTI-Tiefbauhandel GmbH, die im Meininger Ortsteil Dreißigacker ihren Firmensitz hat, übernommen. Noch heute ist Alexandra Wilke in diesem Unternehmen tätig.
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Als sich im August 1989 in Ungarn die Grenze öffnete, wäre die Untermaßfelderin Alexandra Wilke gern dabei gewesen.  „Mein damaliger Freund Matthias und ich, wir sind heute verheiratet, wären sofort gegangen. Die Verletzung der Menschenrechte in der DDR, die Wahlfälschung, die wir miterleben mussten, war nicht mehr auszuhalten. Der wirtschaftliche Zusammenbruch der DDR war nicht mehr aufzuhalten, das spürte jeder“, erinnert sich Alexandra Wilke an das Wendejahr. Im Elternhaus christlich erzogen, fühlte sie sich stets eng verbunden mit der Kirche.

Ohne deren Beitrag und Engagement hätten die Demonstration in der DDR und in Meiningen nicht stattfinden können. Im Untermaßfelder Pfarrhaus fanden damals regelmäßig Treffen statt. Pfarrer Dr. Martin Heinze hatte dazu eingeladen und das Pfarrhaus für den Gesprächskreis der Andersdenkenden zur Verfügung gestellt. „Wir konnten offen über alles sprechen, was uns bewegte. Keiner musste mit Sanktionen rechnen“, so Alexandra.

Christlich erzogen

Als im christlichen Glauben erzogenes Mädchen wurde die Untermaßfelderin in der Schule und im späteren Berufsleben oft ausgegrenzt – gar schikaniert. Ihr Staatsbürgerkundelehrer in der Untermaßfelder Schule kritisierte, dass sie sich in der Bibel besser auskenne, als in den Lehrbüchern der marxistisch-leninistischen Weltanschauung. In der Berufsschule sollten die Azubis zum Lehrertag sozialistische Lieder singen. Alexandra weigerte sich – als Strafe wollte man sie von einer Prüfung ausschließen. Im Betrieb musste sie sich beim Parteisekretär rechtfertigen, weil sie einen allseits bekannten Kollegen als Spitzel bezeichnet hatte. „Man musste damals, um einigermaßen durchzukommen, zwei Leben führen. Eines nach außen und eines nach innen. Nur im Westfernsehen erfuhren wir, wie es in vielen Städten der DDR brodelte. In der aktuellen Kamera war dagegen von Krawallmachern und Schlägern die Rede“, erinnert  Alexandra Wilke.

Keine Demo verpasst

Von den Dienstagsdemos haben Alexandra und Freund Matthias keine einzige verpasst. „In der Meininger Stadtkirche hat es geknistert. Die Leute, die gesprochen haben, waren sehr mutig. Sie haben allen aus dem Herzen gesprochen – gesagt was die Menschen bewegte und sie dachten. Bei einem Marsch durch die Stadt hat uns ein älterer Mann in der Straße der Gesundheit von seinem Balkon zugewunken – wir haben dies erwiedert. Es herrschte eine Aufbruchstimmung, die unter die Haut ging“, berichtete die heute 40-Jährige über ihre Erlebnisse. „Wir sind das Volk“, „Stasi in die Volkswirtschaft“ und „Wir bleiben hier“ haben die Demonstranten, darunter die Untermaßfelderin, laut gerufen und so ihrem Unmut über die Verhältnisse in der DDR Luft gemacht und sich so Gehör verschafft.

Zu den Demos fuhr die Untermaßfelderin nach Feierabend mit ihrem Freund im Trabi. An der Wasserwirtschaft stellten sie das Auto ab, da Parkplätze wie vieles andere Mangelware waren. Alexandra Wilke erinnert sich noch genau, dass es plötzlich in Meiningen keine Kerzen mehr zu kaufen gab. Doch damit hatte sie sich für die Demos ausreichend bevorratet.

Den Schabowski-Auftritt im Fernsehen der DDR erlebte Alexandra live mit, realisierte aber nicht sofort, was damit verbunden war. Ihr Freund Matthias ergriff damals die Initiative. Er holte sie am Freitagmorgen von der Arbeit weg und fuhr mit ihr zum Schlagbaum nach Sülzfeld. Nach einigen Diskussionen machten die Grenzer den Weg gen Westen frei. „Bis in die späten Abendstunden sind wir in Mellrichstadt und Bad Neustadt umhergefahren. Uns standen die Tränen in den Augen. Wir waren damals mit die Ersten die die Grenze passierten. Das waren echt bewegende Momente“, so Alexandra Wilke, deren heute 15-jähriger Sohn wenig aus dieser Zeit weiß und eigentlich abwinkt, wenn Mutter oder Vater von den alten Geschichten erzählen wollen. Dietrich Bechstein
 
 

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