Meiningen. Wieder einmal wandelten Herta Müller und Silke Förster auf den Spuren Meininger Persönlichkeiten. Die Spur, die sie diesmal entdeckten und zum 19. Literarisch-Musikalischen Salon ihren Gäste präsentierten – diese Spur kam fast bekannt vor.
Es schien, als ob das, was die beiden Frauen über den Musiker und Komponisten Wilhelm Berger zu erzählen hatten, gestern erst in einer Zeitung stand: Ein besonders charismatischer Mann in leitender Stellung, der aber nicht so recht nach dem Geschmack seines Dienstherrn funktioniert. So nahmen Silke Förster und Herta Müller ihre, wieder zahlreich erschienenen, Zuhörer auf eine Zeitreise mit. Die Klammer der Zeitreise öffnete sich am 9. August 1861. Damals kam in Boston (USA) jener Freigeist Wilhelm Berger zur Welt, um den sich eine gute Stunde lang im Prinzenpalais alle Gedanken drehen sollten. In Meiningen ist Wilhelm Berger am 17. Dezember 1909 in Erscheinung getreten. An diesem Tag wurde zur Eröffnung des neuen Hauses (nach dem Brand des Theaters im März 1908) im Konzertsaal die Meistersinger-Overtüre von Richard Wagner unter Leitung von Wilhelm Berger gespielt. Ein paar Tönchen jener Overtüre rieselten aus dem CD-Recorder in die Zuhörer-Menge, die dieses Mal gemütlich an Tischen saß und Kaffee trinken konnte. Damals, im Dezember 1909, hatte Wilhelm Berger – der seit 1899 Dirigent der Berliner „Musikalischen Gesellschaft“ und ein erfolgreicher Konzert-Pianist und sogar schon ein Professor und Mitglied der Königlichen Akademie der Künste war – gerade das Erbe des Hofkapellmeisters Fritz Steinbach angetreten. Es sollte ein schweres werden.
Kritik von Georg II.
Denn Wilhelm Berger war eben Wilhelm Berger. Er war – so zitiert Silke Förster den Berger-Freund und Berger-Zeitgenossen Adolf Menzel – „weder ein Langweiler“ noch war ihm „Sauertöpfigkeit“ gegeben. Berger sei ein schlichter, vornehmer, uneigennütziger, wohlwollender und liebevoller Mensch gewesen, der sich aber nicht verbiegen lassen wollte. Seine vornehme Natur habe ihn daran gehindert, sich gegen seine Widersacher – „die Meckerer“ in Meiningen, wie Silke Förster sie nannte, zu wehren.
Zu seinen Widersachern gehörte unseligerweise auch sein Dienstherr, Herzog Georg II. „Ich vermute, dass sich Berger nicht eingehend genug mit der Geschichte der Meininger Hofkapelle beschäftigte und sich wohl auch nicht so recht auf das Verhältnis zu seinem Dienstherrn vorbereitet hatte“, spekuliert Herta Müller. Denn immer öfter verlangte Georg II. von Berger, er möge doch das Vermächtnis von Johannes Brahms – dem Musiker, dem sich das Herzogspaar so freundschaftlich verbunden fühlte – fortsetzen. Das war der Herzog auch gewöhnt von Berger-Vorgänger, von Fritz Steinbach.
Aber Berger verstand sich in erster Linie als Komponist. Er hoffte auf Orchester-Erfahrung mit der Meininger Hofkapelle. Auf diese Zusammenarbeit hatte er sich gefreut. Im Jahr 1904 spielte er mit der Hofkapelle auswärts. Damals in der Hauptstadt Berlin. „Doch die Erfolge in Berlin waren nicht nach dem Geschmack Georgs“, resümiert Herta Müller. Sie zitiert den Herzog, der einmal frostig sagte: „Berger hat keine Berechtigung, die Kapelle in Berlin gastieren zu lassen“. In gewisser Weise, so interpretiert die Historikerin Müller die damalige Situation, könne man den Herzog verstehen. Denn die Meininger Hofkapelle habe etwas Neues in die Welt gebracht, eine Art Mission erfüllt. Herta Müller meint, Berger habe „das nicht verstanden“, habe sich „zu wenig mit den Vorgängern befasst“.
„Starrer Brahmskult“
Berger litt unter dem schlechten Verhältnis zu Georg II. Er spürte immer mehr, dass hier in Meiningen „ein starrer Brahms-Kult“ herrschte. Aber er konnte einfach nicht, wie Steinbach es vor ihm tat, voll in die Fußstapfen von Brahms treten. Denn er, Berger, war kein Zeitgenosse von Brahms. Berger wollte nur eines: Er wollte die Musik von Brahms so umsetzen, wie er sie selbst verstand – und nicht so, wie es von ihm erwartet wurde. Zu einem richtigen Affront kam es zwischen dem Herzog und Berger, als jener eine Einladung von Fritz Steinbach nach München ablehnte. Der Herzog hatte sich soweit verstiegen, dass er Berger empfahl, ruhig mal nach München zu fahren, um dort von Steinbach zu lernen, „wie man Brahms richtig interpretiert“.
Zu allem Unglück hatte der Herzog durch einen Jagdunfall auch noch einen Hörschaden erlitten. „ Er konnte also Berger nie als Komponisten erleben und hören“, fasste Herta Müller das Dilemma zwischen Kapellmeister Berger und seinem Dienstherrn Georg II. zusammen. Zudem bekamen Bergers Konzerte im Meininger Tageblatt nur ernüchternde Kritiken. Man schrieb, dass Bergers Programme „kein eigenes Profil“ hätten und „keine Botschaften in die Musikwelt entsenden“. Dann starb am 1. Juni 1907 auch noch Bergers Freund, Richard Mühlfeld – der Klarinettist der Meininger Hofkapelle – der ihm immer Rückhalt geboten hatte. „Dies war ein Schlag für Berger“, der im Oktober 1907 schließlich selbst schwer und lebensbedrohlich erkrankte. „Das blieb also auch nicht aus“, sagte Herta Müller leise. Im Saal war es ganz still. So mancher wird wohl gedacht haben: Das war doch alles schon mal da: Ein Mensch wird wegen des ständigen Kampfes gegen seine Umwelt krank, weil ihn die Kräfte verlassen.
Zum Schluss erklang wieder Musik aus dem Recorder. Herta Müller fragte, an wen die Musik erinnere. Die Gäste und sie waren sich einig: Sie erinnerte an Johannes Brahms – den großen Komponisten, dem Berger nach Ansicht des Theaterherzogs angeblich nicht nahe genug gekommen sei. Aber es war kein Brahms-Werk, was da zum Abschied erklang. Es war eine Musik von Berger. „Er war ein Liedkomponist aus Leib und Seele, war handwerklich absolut auf der Höhe der Zeit“, so Herta Müller. „Doch er schloss sich nicht der neuen Wiener Schule an“. Von der „Neu-Tönerei zeigte sich Berger unbeeindruckt“.
Die Klammer der Zeitreise schließt sich am 16. Januar 1911. Mit nur 49 Jahren starb Berger an diesem Tag an einer tödlichen Magenerkrankung beziehungsweise den Operationsfolgen. Zur Ehrenrettung des Herzogs erwähnte Herta Müller dessen große Anteilnahme an Bergers Krankheit. Der Herzog habe trotz allem den Menschen und den Künstler voneinander trennen können. „Er sorgte sich sehr um Berger“, sagte sie. Es klang wie Trost. Denn der Herzog war wohl selten in so einem Licht erschienen wie im Lebenslauf von Wilhelm Berger.
Musikalisch wurde der Salon von Werken umrahmt, die einen Bezug zu Bergers Geburtsstadt Boston hatten. Das Flöten-Trio der Max-Reger-Schule trug die flotten Klänge vor. Den Erlös der Benefiz-Veranstaltung soll dieses Mal der kleine Fabio aus Peru bekommen, für den Hotelier Uwe Klein eine Spendensammlung initiiert hatte. M. Böhnke
Geschichte
Ein eigensinniger Kapellmeister
Literarisch-Musikalischer Salon widmete sich diesmal dem Musiker Wilhelm Berger
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