Meiningen. Obwohl der Winter sich längst noch nicht verabschieden will, freuen sich alle auf den Frühling. Für die Bücherfreunde
„Eine überraschende Landpartie. Ein glücklicher, zärtlicher, geräuschvoller Tag in Gesellschaft von Geschwistern, die ihrer Kindheit adieu sagen. Mit Gekicher und Flüchen im Auto, einer Menge Neckereien, mit Hundeflöhen, gekühlten Flaschen Sancerre und guter Musik von Anfang bis Ende.“ So beschreibt Anna Gavalda ihr neues Buch „Ein geschenkter Tag“ (Hanser Verlag, 12,90 Euro). Mit dem Auto unterwegs zu einer Hochzeit im Verwandtenkreis treffen Simon, seine Schwester Garance und seine Frau Carine aufeinander. Die lebenslustige, schlagfertige Garance und ihre stets korrekte Schwägerin sind wie Feuer und Wasser. Als dann auch noch Lola zusteigt, die andere Schwester und frisch geschieden, ergeben sich schnell heftige Wortgefechte. Simon am Steuer bewahrt Ruhe, bis er bei der Ankunft erfährt, dass sein Bruder Vincent nicht gekommen ist, und jede Lust auf eine schöne Familienfeier verloren ist. Kurzerhand entschließen sie sich zu einem Überraschungsbesuch beim Bruder. So wird am Ende ein Tag unter Geschwistern möglich, wie ihn die vier lange nicht erlebt haben. Ganz auf den optimistischen Ton ihres erfolgreichen Titels „Zusammen ist man weniger allein“ gestimmt, erzählt diese heitere Sommergeschichte von den kleinen Fluchten und einem damit verbundenen Ausflug ins Glück.
Sommerstimmung
Für warme Sommerstimmung müssen die Protagonisten in Shane Jones‘ erstem Roman „Thaddeus und der Februar“ erst noch sorgen. Denn schon viele hundert Tage währt die kalte Herrschaft des Februars. Der Wechsel der Jahreszeiten ist außer Kraft gesetzt, Papierdrachen dürfen nicht mehr zum Himmel aufsteigen, Kinder verschwinden im Wald. Die Bewohner der Stadt beschließen, in den Kampf zu ziehen, den Winter zu besiegen, und Thaddeus, der Ballonfahrer, soll ihr Anführer sein. Doch dann stößt Thaddeus in einer Hütte am Stadtrand auf den Februar selbst: einen traurigen jungen Mann, der eine Geschichte schreibt – die Geschichte der Stadt…
Jones‘ Buch ist keine Fantasyerzählung im üblichen Sinne. In ungewöhnlicher Form, mit einer surrealen und poetischen Sprache zugleich und Illustrationen, die die Stimmung dieses Märchens für Erwachsene passend unterstreichen, hebt sich diese Neuerscheinung (Eichborn Verlages, 16,95 Euro) ab.
„Wörter sind wie Schachteln, in die man seine Gedanken einsortiert. Wobei eigentlich nicht die Verpackung zählen sollte, sondern das, was man reinsteckt. Es gibt wunderschöne Päckchen, wo nichts als Dreck drin ist, und andere, die ungeschickt verschnürt sind, aber wahre Schätze enthalten …“: Germain, eine der Hauptfiguren in Marie-Sabine Rogers Roman „Das Labyrinth der Wörter“ (Hoffmann und Campe Verlag, 18 Euro), ist ein Bär von Mann und nicht unbedingt der Schlaueste. Außer für seinen Gemüsegarten und das Schnitzen von Holzfiguren interessiert er sich nur für die Tauben im Park. Als er dort eine freundliche alte Dame kennen lernt, wird sein Leben auf den Kopf gestellt. Denn die feinsinnige Margueritte beschließt, den ungebildeten Hünen für die Welt der Bücher zu gewinnen.
Reisen in die Ferne
In ganz andere Regionen entführt Wigald Bonings neues Werk „In Rio steht ein Hofbräuhaus – Reisen auf fast alle Kontinente“ (Rowohlt Verlag, 8,95 Euro). Obwohl er nach eigener Aussage als Weltreisender ein Spätentwickler ist: „Ich stamme aus einem bürgerlichen Reihenhaushalt und verbrachte meine Kindheit im Odenbourg der siebziger Jahre. Im Normalfall unternahmen wir Bonings jährlich zwei Reisen: Die Osterferien wurden zumeist für einen Pensionsaufenthalt im Harz, dem Teutoburger Wald oder in der Lüneburger Heide genutzt, den Sommerurlaub verbrachten wir in der ersten Hälfte der Dekade in Großenbode an der Ostsee und ab 1975, wohl wohlstandswachstumsbedingt, auf Mallorca.“ Nun kam er doch noch bis in so manch entlegene Winkel der Welt, und weil er seine Freunde nicht mitnehmen konnte, schickte er den Daheimgebliebenen alle Eindrücke per E-Mail. Er fotografierte Telefonzellen in Tiflis, tanzte im Samba-Express an die „karibische Ostsee“ und wurde von thailändischen Fans in Bangkok ehrfürchtig bestaunt. Auf gewohnt trockene Art kommentiert Boning diese skurrilen und bewegenden Begegnungen mit respektvoll-augenzwinkerndem Blick auf die kulturellen Unterschiede zum Rest der Welt.
Neues von Kant
In tiefste DDR-Zeiten vor dem Bau der Mauer entführt Hermann Kant, der umstrittene Präsident des DDR-Schriftstellerverbandes, in seinem neuen Roman „Kennung“ (Aufbau Verlag, 19.90 Euro). Er erzählt von Linus Cord, einem „aufstrebenden Kritiker“, der ein „beträchtlicher Essayist“ werden will. Der Aufsatz, an dem er gerade schreibt, soll ihm die erhoffte Anerkennung bringen. Doch eines Vormittags steht ein Genosse mit der Klappkarte vor seiner Tür, um sich na-ch seiner Wehrmachts-Erkennungsmarke zu erkundigen. Ohne auf dessen Anwerbung einzugehen, schickt Cord ihn fort und begibt sich damit unfreiwillig in die alltägliche Absurdität eines zermürbenden Macht- und Ränkespiels. Ulrike Scherzer
Bücher
Viel „Frisches“ zum Bücherfrühling
Leipziger Buchmesse bietet Riesenauswahl an neuer Lektüre – Eine kleine Auslese
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