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Von Tragik gezeichnet
Spannende Monografie zum 50. Todestag von Günter Raphael
Meiningen. Anlässlich des 50. Todestages des Komponisten Günter Raphael (1903 - 1960) veranstaltet die Stadt Meiningen im Oktober dieses Jahres „Raphael-Tage“. Eine interessante Lektüre zum Leben des von den Nazis verfemten Komponisten bietet Thomas Schinköths Buch „Musik – das Ende aller Illusionen? – Günter Raphael im NS-Staat“. Anlässlich seines 50. Todestages erschien das Buch jetzt in zweiter Auflage.

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Nach 14 Jahren erschien zum 50. Todestag des Komponisten die zweite Auflage der Monografie.
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Thomas Schinköth veröffentlichte bereits 1996 seine Monografie über Günter Raphael. Der Leipziger Musikwissenschaftler bietet darin eine umfassende Studie über den Komponisten, der 1903 in Berlin geboren wurde und zunächst eine erfolgreichreiche Laufbahn nahm. Fünf Sinfonien, viele Kammermusiken und geistliche Chorwerke schrieb Raphael. Zudem unterrichtete er an verschiedenen Musikhochschule, zuletzt am Leipziger Konservatorium. Noch 1933 wurde sein Werk als „Markstein auf dem Wege zu einer neuen stilistischen Entwicklung“ gewürdigt. Doch schon 1934 holten ihn die politischen Verfolgungen ein. Als „Halbjude“ wurde Raphael 1934 aus dem Hochschuldienst entlassen. Fünf Jahre später folgte das Berufsverbot.

Hilferuf an Sibelius

Raphael versuchte zunächst, sich in Finnland niederzulassen. Seine Hoffnungen lagen auf Jean Sibelius, an den er 1934 mehrfach Hilferufe sandte. Ob es die  Weitsicht des großen Finnen war oder das Einsehen, sich nicht politisch einzumischen, eine Fürsprache lehnte er ab. „Lieber Herr“, schrieb Sibelius an Raphael im September 1934, „… fände ich dass es unmöglich ist hier eine Existenz zu gründen für Sie, die Verhältnisse sind zu klein“.

So ging Raphael nach Meiningen, wo sich Pauline Jessen, eine Dänin, die er kurz zuvor geheiratet hatte, bereits seit 1931 einen Wirkungskreis geschaffen hatte. Bis zum Ende der NS-Zeit konnte er hier „überwintern“. Allerdings nur unter schwierigsten Bedingungen. Nachdem der Komponist – auch mit Hilfe seiner Mutter, die in der Reichkulturkammer vorsprach – eine Sondergenehmigung erwirkt hatte, durfte er hier zunächst weiterarbeiten. Er musste jedoch jeden öffentlichen Auftritt als Pianist extra genehmigen lassen. Sein erstes Konzert fand im Juni 1936 „unter dem Protektorat Seiner Hoheit des Prinzen Ernst von Sachsen-Meiningen“ im Marmorsaal des Schlosses Elisabethenburg statt. Auf dem Programm standen neben Werken von Brahms und Reger seine Sonate G-Dur op.12 Nr. 2 und sein Trio C-Dur op. 11.

Ottomar Güntzels Rolle

Ottomar Güntzel, der städtische Musikbeauftragte und Kreismusikbeauftragte der Reichsmusikkammer Meiningen-Süd, der 1943 Direktor des Max-Reger-Musikarchivs wurde, rezensierte darüber: „Der Erwähnung verdient ein Klavierabend Meininger Komponisten, veranstaltet von Günter Raphael (Klavier), Professor Robert Reitz (Violine) und Professor Walter Schultz (Violoncello), beide aus Weimar“.

An diesem Punkt wird die Lektüre der Raphael-Monografie interessant und spannend. Denn erstmals wird hier mit umfangreichem Archivmaterial offengelegt, welchen Widerständen der Komponist und Pianist in Meiningen ausgesetzt war. Einer seiner größten Feinde war Ottomar Güntzel, der als Leiter des Meininger Max-Reger-Archivs auch nach 1945 noch zu großen Ehren kam. Güntzel intrigierte offen gegen Raphael und sorgte unter anderem dafür, dass sein nächstes Meininger Konzert im Juni 1937 – trotz Sondergenehmigung zur Reichsmusikkammermitgliedschaft – nur noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden durfte.
Raphael wehrte sich dagegen. In einem Brief an den Reichskammerpräsidenten widersprach er, worauf der ihm antwortete: „Sie sind nun einmal Halbjude und es ist im Dritten Reich nicht erwünscht, daß von einem solchen ,gesellschaftliche Ereignisse‘ organisiert werden. Wenn Sie sich auf einen regen Anteil der Meininger Bevölkerung berufen, so kann ich Ihnen sagen, daß aus Meiningen auch sehr viele Stimmen zu mir gelangen, die durchaus gegen Sie sind …“.

Ein endgültiges Berufsverbot folgte im Zuge der Pogromnacht 1938. Selbst ein Brief seiner Mutter, Maria Raphael, die als „deutsche Mutter“ und Tochter des ehemaligen Berliner Domchordirektors ein Gesuch an Hitler sandte, konnte nichts dagegen ausrichten.

Hauskonzerte

Trotz aller Restriktionen gab es auch nach 1939 in Meiningen   Familien, die zu Raphael standen und Hauskonzerte mit ihm gaben. Aufschlussreich ist ein Brief von seiner Frau Pauline.  „In unserer Wohnung in der Helenenstraße 25 wurden regelmäßig Kunstabende veranstaltet. Die Schauspieler und Musiker des Theaters kamen, soweit sie keine Nazi waren (…) Eines Tages wurde mein Mann von einem Bläser des Orchesters angespuckt und mit den Worten verhöhnt: ,Na Raphael, schon den Ariernachweis geliefert?…“

Thomas Schinköth führt seine Monografie über die Nazi-Zeit hinaus. So bekam Raphael nach 1945 Angebote zur Rückkehr an die Leipziger Musikhochschule, die er – auch wegen der politischen Verhältnisse – ausschlug. Wobei, so schreibt der Musikwissenschaftler, auch die Bundesrepublik keine Alternative für ihn bot. An der Musikhochschule in Duisburg und später in Köln fand er Anstellungen. Doch als Komponist wurde er von Erneuerern wie Hindemith, Anton Webern und Olivier Messiaens überholt. Unermüdlich komponierte, konzertierte und unterrichtete er weiter. Körperlich geschwächt, starb er erst 57-jährig am 19. Oktober 1960. Carola Scherzer

Thomas Schinköth „Musik – das Ende aller Illusionen? Günter Raphael im NS-Staat“, Bockel Verlag, ISBN 978-3-932696-79-4, 19.80 Euro

 
 

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