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Wie alle bekamen wir dort unser Begrüßungsgeld und machten uns unter anderem einen unvergesslichen Tag in Frankfurt/Main, wo gerade eine einzigartige Kandinsky-Ausstellung zu sehen war, die uns begeisterte. Als der 9. November kam, hatten wir am Theater Hauptprobe, Freitag sollte dann Premiere sein. Es war nicht nur die übliche Endproben-Hektik; wegen einer kurzfristigen Umbesetzung, die der offenen ungarischen Grenze geschuldet war, waren alle hoch konzentriert. Keiner im Team hatte also Gelegenheit, Schabowski live zu erleben.
Kantine machte Umsatz
Nach der Probe gab es eine etwas vorgezogener Test der Premierenfeier, als zu später Stunde ein paar Kollegen der anderen Sparten in der Kantine auftauchten und freudestrahlend verkündeten, dass sie stante pete in den Westen nach Mellrichstadt aufbrechen wollten. Erst jetzt realisierten wir, was passiert war und die Kantine machte Umsatz. Sofort kam die Frage auf, ob bei der morgigen Generalprobe noch alle Beteiligten anwesend sein würden und vor allem, würde die Premiere am Abend überhaupt noch Zuschauer haben. Kurz gesagt, die Generalprobe am Freitagvormittag ging mit den erforderlichen Pannen über die Bühne und am Abend war der Zuschauerraum relativ gut besucht. Es war „Der nackte Wahnsinn“; so hieß das englische Boulevard-Stück, das dann erfolgreich Premiere hatte.
Nach überstandener Premierenfeier am Freitag weckten mich am Samstag viel zu früh meine Kinder. Sie wollten nun endlich auch mal nach dem Westen fahren, wenn möglich sofort. Aber wie hinkommen und wohin? Ich muss zugeben, von Mellrichstadt, der ersten Stadt hinter der Grenze hatte ich vorher noch nie was gehört und ein Auto hatten wir auch nicht. Angesichts des Staus, der sich inzwischen gebildet hatten, wäre das sowieso keine gute Idee gewesen. Mit „sofort nach dem Westen“ war es also nichts. Aber die Kinder ließen nicht locker. Ich erfuhr, dass aus Mellrichstadt Busse einen Pendelverkehr eingerichtet hatten. Am Sonntag gingen wir also alle zum Bahnhofsvorplatz, von wo die Busse abfuhren, stiegen ein, bezahlten ein paar Ost-Mark und ab ging es. Die B 19 entlang, vorbei an einer endlosen Autoschlange. Ein Volkspolizei-Wartburg hatte sich vor uns gesetzt und lotste den Bus vorbei an den meist stehenden Trabis. Nach knapp einer halben Stunde konnten wir in Mellrichstadt aussteigen.
Gelernte DDR-Bürger
Gleich am Anfang der Mellrichstädter Innenstadt war damals die Sparkasse. Vor der stand ein gut gekleideter Herr, der natürlich sofort wusste, woher wir kamen und was wir brauchten. Er bat uns in die Sparkasse, damit wir Begrüßungsgeld empfangen konntrn. Nur ein paar Kunden standen vor uns, dann waren wir an der Reihe. Da meine Frau und ich schon im Sommer im Westen gewesen waren und unser Begrüßungsgeld für das laufende Jahr bereits bekommen hatten, teilten wir dies als gelernte DDR-Bürger auch treu und brav mit. Und so bekamen wir „nur“ für unsere beiden Kinder das Geld.
So ausgerüstet, eroberten wir Mellrichstadt. Am anderen Ende der Innenstadt fand sich bei „Stürmer“ eine Spielzeugabteilung. Dort konnten sich unser zwei Jungs erst mal austoben und da wir sicher waren, dass sie von dort auch nicht ohne Grund davon laufen würden, nutzten wir „Großen“ die Gelegenheit, die Sehenswürdigkeiten Mellrichstadts zu erkunden. Mellrichstadt ist zwar ganz hübsch, aber viel zu erkunden gab es da nicht. Etliche Geschäfte waren geöffnet und wir kauften ein paar „Basinen und Appelnanen“, wie unser kleinerer Sohn bemerkte. Dann lösten wir unsere beiden Kinder wieder aus.
Mit einem ferngesteuerten Auto und einem Mini-Keyboard von Casio, was heute noch funktioniert und dessen automatisch abspielbare Melodie „Wake Me Up Before You Go-Go“ von Wham, die für uns eine Art „Wendehymne“ wurde. Ein paar „Matcher“ waren auch noch dabei, damit hatte sich der „Drang nach Westen“ erstmal erledigt. Schließlich kam ja dann der Westen zu uns und es gab hier genügend zu bestaunen, aber auch zu bewältigen. Es war eine irre Zeit.
Walter Doering


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