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Man kann sich schönere Wanderstrecken vorstellen als jene, die Landolf Scherzer im Sommer 2008 notgedrungen unter die Füße nahm: Einige hundert Kilometer durch die Donau-Ebene im Vierländereck, wo Ungarn, Kroatien, Serbien und Rumänien aneinander grenzen. Einige hundert Kilometer, mit einer brütenden Sonne als Begleiterin, an endlosen Feldern vorbei durch plattes, staubiges Agrarland, meist am Rand vielbefahrener Straßen, während die Lkw vorüber donnern.
Schnurgerade zum Horizont
"Immer geradeaus" heißt das Buch, das Scherzer morgen in Suhl erstmals vorstellt. Ein folgerichtiger Titel für einen fünfwöchigen Fußmarsch, bei dem in der Gluthitze flimmernde Asphaltstraßen oft schnurgerade zum Horizont führen.
Eigentlich war die Strecke vom ungarischen Badeort Harkany ins rumänisch Timisoara nur der erste Teil einer Reportage-Reise, die den Südthüringer Schriftsteller bis nach Moldawien bringen sollte. Keine Wochen, Monate sollte sie dauern. Nicht allein, sondern zu zweit, und nicht zu Fuß, sondern per Traktor samt Wohnwagen war sie geplant. Als Scherzer aber in Harkany aus dem Bus stieg, wartete niemand: Nach einem Achsbruch war der vorausgefahrene Traktorbesitzer und Begleiter Willi umgekehrt.
So wanderte Scherzer eben los. Allein. Mochten die Riemen der Kraxe in den Rücken schneiden, mochte der aufgebohrte Zahn tuckern, mochten die zuvor besorgten Landkarten im Wohnwagen zurück nach Deutschland gefahren sein.
Für das Buch war der Marsch ein Glücksfall. In Dörfern und Kleinstädten ohne Herbergen oder Hotels musste sich Scherzer ein Bett bei wildfremden Menschen suchen. Nicht selten boten ihm die Armen Asyl. Einmal überließ ein arbeitsloser Maurer dem Gast aus Deutschland die einzige Tasse im Haushalt - alle anderen tranken Kaffee aus alten Joghurtbechern.
Von solch intimen Begegnungen lebt die Reportage. Scherzer sammelt sie auf wie kleine Mosaiksteinchen. Immer wieder seine Frage: Wo kommst du her, wie ist es dir ergangen? Er lässt die Menschen ihre Geschichten erzählen. Geschichten vom Glück und vom Scheitern. Wie im "Grenzgänger".
Humor kommt nicht zu kurz
Ging es in diesem Bestseller aber um ein frisch vereintes Land, ziehen sich durch "Immer geradeaus" uralte nationale Konflikte, die der Kollaps des Sozialismus neu hat aufbrechen lassen. Dabei leben Serben, Kroaten, Rumänen, Ungarn und die Deutschstämmigen, die Donauschwaben, auf engstem Raum. Gemischt über alle Ländergrenzen hinweg. Mehr noch: Viele vereinen Wurzeln verschiedener Herkunft in sich. Und: Sie alle verbindet eine Liebe zu ihrer Heimatscholle. Trotz vereinzelter Abneigung gegen die anderen, die Serben, Kroaten, die Zigeuner, die Ungarn oder wen auch immer. Als Deutscher stieß Scherzer freilich nicht wegen des Zweiten Weltkriegs auf Ressentiments, sondern vereinzelt wegen des Nato-Kriegs gegen Serbien.
Es gelingt ihm, keinen seiner Gesprächspartner zu denunzieren. Und auch der Humor kommt nicht kurz. Eine Verkäuferin deutete die gestenreiche Bitte nach einer Landkarte fehl - und packte verschämt ein paar Pornohefte in die Tüte. So entsteht ein kurzweiliges Buch, das durch südosteuropäische Geschichte mäandriert und nach dem Motto "Immer geradeaus" die großen Fragen im Vorbeigehen stellt. fh
Landolf Scherzer: Immer geradeaus. Aufbau-Verlag, 19,95 Euro. Buchpremiere: Heute, 19.30 Uhr, Buchhaus Suhl. Weitere Lesungen: 23. März Trinkhalle Gradierwerk Bad Salzungen, 25. März Feuerwache Neuhaus/Rwg., 7. April Bibliothek Meiningen.


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