Politikwissenschaftler Herfried Münkler, Professor der Humboldt-Uni Berlin, gehört zu den renommiertesten Sachbuchautoren des Landes. Wir sprachen mit ihm über 20 Jahre DDR-Umsturz und Mauerfall.
Herr Professor Münkler, in Ihrem Buch "Die Deutschen und ihre Mythen" konstatieren Sie, Deutschland sei eine "weithin mythenfreie Zone". Ist die Geschichte der Wende und der Wiedervereinigung etwa kein Mythos?
Das Jahr 1989 hat sich nicht als große sinnstiftende Erzählung durchsetzen können, sondern wird überlagert von der Erzählung der diplomatischen Erfolge auf dem Weg zur Wiederherstellung der deutschen Einheit. Das sage ich mit einem gewissen Bedauern. Es könnte aber durchaus sein, dass sich jetzt, im Abstand von zwanzig Jahren, der Herbst '89 als sehr viel wichtiger für das kollektive Gedächtnis der Deutschen erweist als der 3. Oktober 1990, der eher das Datum für eine Selbstfeier der westdeutschen politischen Klasse darstellt.
Warum ist 1989 nicht bundesweit zu einem großen Bezugspunkt geworden?
Ich glaube, drei Faktoren spielen da zusammen. Erstens hatte die westdeutsche politische Klasse, die im Prozess der Wiedervereinigung glänzende diplomatische Leistungen vollbrachte, weder am Oktober 89 noch am 9. November einen Anteil. Zweitens spielte auch die Mehrheit der Bevölkerung eine passive Rolle - jedenfalls der gesamte Westen. Der Herbst 89 wurde hier im Fernsehen verfolgt. Drittens darf man nicht vergessen, dass mit der DDR für Teile der deutschen Bevölkerung ein großes Projekt zusammengebrochen ist. Auch wenn die DDR kaum dem entsprach, wie sich Intellektuelle und andere den Sozialismus vorgestellt haben.
Was würde es den Ostdeutschen bringen, wenn ihre Leistung und ihr Mut stärker gewürdigt würden?
Natürlich würden die Rentenansprüche sich nicht erhöhen, und auch die Arbeitslosigkeit ginge nicht zurück. Aber diejenigen, die aktiv an den Protesten teilgenommen haben - und das sind ja bei weitem nicht alle, sondern vielleicht zehn Prozent der Bevölkerung - würden es vielleicht als Anerkennung ihres Beitrags zur Geschichte wahrnehmen. Außerdem möchte ich 1989 gar nicht als ein Datum allein der Ostdeutschen oder der damaligen Demonstranten verstehen. Es wurde lange Zeit als eine Ursache für einen deutschen Sonderweg angesehen, dass es in Deutschland keine gelungene Revolution gegeben habe. In der DDR ist eine friedliche Revolution gelungen. Insofern war 1989 auch ein Beitrag zu einer europäischen Normalisierung Deutschlands.
Wie beurteilen Sie die Forderung einer neuen Verfassung als Ausdruck einer echten Wiedervereinigung?
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Die Wende hat viele markante Zeitpunkte - etwa den 30. September: Morgen vor 20 Jahren sprach Genscher seine legendären Worte vom Balkon der Prager Botschaft. Leipzig plädiert für den 9. Oktober, als die Staatsmacht vor 70 000 Demonstranten kniff. Dresden hat den 8. Oktober zum Gedenktag erklärt. Können solche Initiativen die Rolle der Proteste in der DDR stärker herausstellen?
Vermutlich, weil dann Günter Schabowskis so gar nicht intendiertes Eingreifen in den Verlauf der Geschichte nicht als alleiniges Ereignis dasteht. Der 9. November 1989 ist der Kulminationspunkt einer Entwicklung, die ihre Verankerung in Polen, in Ungarn, in Prag und in der gesamten damaligen DDR hat. Wenn Städte und Regionen ihre eigenen Akzente setzen, macht es diese Entwicklung sichtbar. Das ist eine Form der Pflege des kollektiven Gedächtnisses, bei der man - in Anlehnung an Goethes berühmte Äußerung - sagen kann, man sei dabei gewesen.
Diskutiert wird auch um Einheits- und Freiheitsdenkmale in Berlin und Leipzig. In Berlin sah sich die Jury außerstande, unter 500 Einreichungen Preiswürdiges zu finden.
Es ist sicher schwierig, für ein solches Denkmal eine erinnerungspolitische Formensprache zu finden, die politisch korrekt und kollektiv anschlussfähig ist. Da sind die Entwürfe wenig überzeugend gewesen. Sie haben entweder Unbeholfenheit oder - mit der berühmten Banane - ironische Distanzierung zum Ausdruck gebracht. Das heißt nicht, dass ein solches Denkmal nicht möglich ist. Vielleicht ist es nur nicht die allerglücklichste Idee gewesen, sich jetzt und gleich ein solches Denkmal zu leisten.
Kritiker argumentieren, es gebe solche Denkmale schon: in Leipzig die Nikolaikirche, in Berlin das Brandenburger Tor.
Das sind ja auch die Orte, die Authentizität atmen und in vielerlei Hinsicht attraktiver sind. Dass eine Denkmaldiskussion aufgekommen ist, hat weniger mit der Pflege der kollektiven Erinnerung zu tun als vielmehr mit politischer Korrektheit. Nach der Vielzahl von Denkmalbauten in Berlin kam die Vorstellung auf, jetzt auch dieses Datum noch bedenken zu müssen. Ich will nicht ausschließen, dass dies zu einem späteren Zeitpunkt sinnvoll sein mag. Aber nachdem man sich nicht hat entschließen können, den 9. November zum Feiertag zu machen, ist es jetzt auch verfehlt, von künstlerischer Kreativität abzuverlangen, was politische Rationalität in den Sand gesetzt hat.
Nun soll das Berliner Denkmal nicht mehr mit Bezügen auf die Montagsdemos sowie historische Einheits- und Freiheitsbestrebungen - wie es heißt - überfrachtet werden. Kann es ein Freiheitsdenkmal ohne Leipzig-Bezug und ein Einheitsdenkmal ohne Bezug auf die deutsche Geschichte geben?
Die Frage so zu stellen, heißt eigentlich schon die Antwort zu geben. So wird man es sicherlich nicht machen können.
Der 9. November 1989 ist auch ein Datum persönlichen Erinnerns. Was taten Sie in der Nacht, in der die Mauer fiel?
Da habe ich ferngesehen. Bedeutsamer in meinem persönlichen Erleben ist eine Rückfahrt aus einem Urlaub in der Toskana im September 1989. Weil unsere Kinder damals klein waren, sind wir bei Nacht gefahren. Als ich am Autobahndreieck Inntal auf die Autobahn fuhr, die von Salzburg kommt, ist mir aufgefallen, dass die Lkws häufig auf der linken Spur gefahren sind - wegen der vielen Trabis, die aus Ungarn kamen. Das war ein völlig ungewohntes Bild für nächtliche Benutzer bundesdeutscher Autobahnen. In dieser Nacht spürte ich, dass sich Grundlegendes ändern wird.
Interview: Robert Schröpfer












